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Die Rache an Kreutzer

Aus dem Münsteraner Literaturmagazin

STADTINDIANER, Heft 2, 1. Auflage, Juni 1997
Herausgeberin: Renate Rave-Schneider

Stefan Beuse

Die Rache an Kreutzer

Paris ist die Stadt der Liebe. Und der Toten. Der Friedhof
„Pere Lachaise“ birgt so ziemlich alles, was mal Rang und
Namen hatte. Von Chopin bis Jim Morrison.
Deshalb fängt Rike schon kurz hinter dem Eingang an, sämtliche
Grabsteine vorzulesen. Die Namen sagen uns nichts, aber sie
liest sie, als lägen darunter mindestens Nobelpreisträger.
Wir staunen über pompöse Büsten, teure Marmorhäuschen
und aufwendige Blumenarrangements. Hier und da meint jemand,
einen Namen schon mal gehört zu haben, und die anderen bleiben
dann ehrfürchtig stehen und betrachten den Grabstein mit einer
merkwürdigen Andacht.
So flanieren wir etwa eine halbe Stunde vorbei an all den steinernen
Gebeten und gold gerahmten Fotografien und fangen langsam an,
ungeduldig zu werden. Denn die WIRKLICH großen Namen scheinen
die besten Abkürzungen und die geheimsten Schleichpfade zu
kennen; an den Haupt-Wanderwegen jedenfalls kommen uns keine
Balzacs und Piafs in die Quere.
–    Dieser Friedhof ist ein verdammtes Labyrinth, äußert Bettina,
und da sämtliche uns entgegen kommenden Besucher einen patent-
gefalteten Plan in der Hand halten, gehen wir zurück zum Eingang
und kaufen uns den „Plan illustre du Pere Lachaise“ für 10 Francs
in einem Blumenladen.
Wir erfahren, dass Yves Montand und Simone Signoret ein Gemein-
schaftsgrab haben und die Callas ganz schön weit weg von
Jim Morrison liegt. Das ist schade, denn das Grab von Jim Morrison
wollen alle sehen. Da zieht die Callas den Kürzeren. Wie übrigens
auch Marcel Proust , aber das finde ich nur schade.
Tanja möchte eigentlich niemand Bestimmtes sehen. Rike und Bettina
Haben schwere Beine und auch ich bin vom Grabstein lesen etwas
müde geworden. Deshalb legen wir nur eine Not-Route fest: wir streifen
Rothschild und Pissaro , schlagen uns durch zu Jim Morrison, biegen
dort links ab Richtung Chopin, vernachlässigen schweren Herzens
Oscar Wilde( der genau wie Max Ernst und Gertrude Stein viel zu weit
Weg liegt) und statten auf dem Rückweg Rodolphe Kreutzer einen
Überraschungsbesuch ab. Auf einsamen Wunsch von Rike, die sich
später übrigens fast und ohne es zu  wissen auf dem Grab von Moliere
lang gelegt hätte, weil ich schräg gegenüber eine gewisse Jenny Gold-
mann aufgetan hatte und den Namen so schön fand, dass ich aufschrie
und jeder wohl vermutete, ich hätte den Papst oder so entdeckt, obwohl
der ja noch gar nicht tot ist.
Auf dem Grab von Jim Morrison ist alles weg. Geklaut, abgerissen, be-
schmiert. Deshalb steht da jetzt ein Aufseher. Rund um die Uhr. In Uniform.
Um aufzupassen, dass nicht noch jemand die leeren Bierdosen vom Grab
nimmt. Oder anfängt, den guten Jim auszubuddeln.
„Jim“ steht übrigens auf fast allen Gräbern des „Pere Lachaise“.
„Jim, wir vergessen Dich nicht“. „Jim, Du warst unser Gott“. „Jim, nimm
meine Hand“. „Jim für immer“.
Ich frage mich, was Jenny Goldmann wohl dazu sagen würde, wenn sie
wüsste, dass auf der Seite ihres Grabsteins „Jim – light my fire“ steht.
Vorne auf ihrem Grabstein steht, dass Jenny in Auschwitz ermordet wurde.
Jedenfalls scheint der Aufseher uns für eine ziemlich bekloppte Bande zu
Halten. Er steht da mit diesem Gesicht und den Händen hinter dem Rücken
und starrt Löcher in die Luft. Manchmal wippt er auf seinen Fußspitzen und
holt sich eine Zigarette aus dem Hemd. Wie jetzt. Er wühlt nach dem Feuerzeug
und stellt fest, dass es nicht funktioniert. Es war seine letzte Zigarette, und er
wirft die zusammengeknüllte Packung zusammen mit dem Feuerzeug in eine
leere Mülltonne. Das Geräusch ist fast wie eine Hinrichtung, weil er weit ausholt
und es richtig „Klonk“ macht, als das Feuerzeug auf den Boden knallt.
Ich bin mir fast sicher, dass er es noch mal angekriegt hätte, wenn er nur
richtig gewollt hätte. Aber wahrscheinlich wird man so, wenn man den ganzen
Tag eine Leiche bewachen muss und einem ständig heulende Teenies und
betende Rollstuhlfahrer vor der Nase rumtanzen. Ich halte das durchaus für
möglich.
Auf Morrisons Grab liegt auch eine Postkarte, auf der steht, dass er, Jim,
uns allen den Weg erhellt hätte und so Zeug. Der Aufseher steht jetzt da
mit einer Zigarette im Mund und niemand gibt ihm Feuer.
Ich starre auf die Inschrift ( James Douglas Morrison, 1994- 1971) und nehme
Tanjas Hand. Auch, wenn ich davon überzeugt bin, dass dieser Morrison ein
Arschloch war.
Spätestens nach Chopin haben wir alle die Schnauze voll und werfen nur noch
einen flüchtigen Blick auf das Grab von Kreutzer.
Rike sagt, sie hätte früher viele Kreutzer-Etüden spielen müssen. Woche für
Woche. Immer nur Kreutzer. Ihr Geigenlehrer habe sie regelrecht gequält mit
diesem verdammten Kreutzer; der muss sie fast zur Weißglut gebracht haben,
denn sie sagt das in einem sehr seltsamen Tonfall, mit ungewöhnlich tiefer Stimme.

Wir haben nur zwei Tage Aufenthalt in Paris, wir haben alles gesehen, den
Eiffelturm, das Pantheon, Montmartre, den Louvre und andere Steine, und
jetzt sind wir seit einem halben Tag auf diesem Friedhof, mitten in der Stadt
der Liebe, und als wir fast schon an Kreutzers Grab vorbei sind, spurtet Rike
plötzlich los und verpasst dem Grabstein einen kurzen, aber heftigen Tritt.

Sie dreht sich auf der Stelle um und rennt weg, als ob ihr der Teufel im Nacken
säße, aber es ist nicht mal Kreutzer, der hinter ihr her ist. Der ist bloß froh, dass
es ihm nicht geht wie dem alten Moliere, auf dessen Grab Rike später( wie gesagt)
fast gefallen wäre.
Vielleicht wäre ihm seine ewige Ruhe sogar so wichtig gewesen, dass er extra
wegen Rike ein paar Etüden weniger geschrieben hätte, wenn er das geahnt hätte.
Wer weiß das schon?

“ Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“
Heinrich Heine

 

 

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