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Autorenlesung im Spec Ops

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Momentaufnahme:
Autorenlesung im Spec Ops in Münsters City am 20.10.2015

Ein Retroladen mit Nierentischchen, plüschigem Schick
und Gebrauchtmöbeln.
Veganer Kuchen und Bionade. Weizen und Flaschenbiere,
billiger französischer Rotwein!
Das Thekenpersonal mit Bildungshintergrund: Man trägt wieder
Bart!
Das Publikum: Schüler, Studenten, einige könnten Enkel der
wenigen Mitsechziger sein.
Stuhlreihen vor der Bühne, auf denen brav Jungvolk Platz
genommen hat, 16 aktive Zuhörer, aber die anderen an den
Nierentischen, an den runden Tischen lauschen auch.

Die Bühne ist ausstaffiert mit roter Couch, Leselampe und
Stuhl, Mikro.
Und dann der Star des Abends:
Der mittelgroße, leicht untersetzte Dirk Bernemann, dessen
Erstling “ Ich habe die Unschuld kotzen sehen!“ in vielen
Bücherregalen zu sichten ist.

Dirk B. hat was zu sagen, er hat einen befreundeten Punkmusiker
mitgebracht und sich über diese Allianz bereits auf seinem Flyer
geäußert:
„Literatur und Musik waren ja schon immer Freunde. Oft hat
man die beiden zusammen gesehen und sie blickten verträumt
am Flußufer ins Dreckwasser, tranken dabei Billigbier und erzählten
sich kleine, intensive Geschichten. Es ist was Schönes mit
stimmungsverwandten Künstlern!“
Dirk eröffnet die Lesung mit einem autobiografischen Text über
Schreiberlinge. Ob man denn überhaupt vom Schreiben leben könne,
würde er öfter gefragt und würde die nachfolgenden Fragen dann
meist abwürgen, denn er hätte keinen Bock über sich als vermeintlich
Toten nachzudenken.
Mit seinen Vokabeln, seinem Sprachschatz, seiner Szene – Sprache,
seinem Habitus, seinem Style, seinem Wortwitz  findet er eine Schnitt-
menge mit den Achtzehn bis Fünfundzwanzigjährigen, mehr aber mit
den Dreißig bis Fünfzigjährigen und hört bei vereinzelt hier anzutreffenden
Sechzigjährigen nicht auf.

Gebannt hört man zu: Wenn er vom dauerhaften Glück der Blumenwiese liest,
die man erst nach Sumpf, Sumpf und noch mal Sumpf entdecken kann.
Wenn er von tausend Glücksmomenten spricht, die der Schreiber stets neu
sammeln muss, weil Glück ja nicht speicherbar ist.
Der Versuch das Glück des Schreiberfolges festhalten zu wollen, wäre wie
ein Versuch mit Luftballons auf Igel einzuschlagen.
Dann tritt der Punkmusiker in Erscheinung, die Gitarre hält er am ausgestreckten
tätowierten Arm wie eine Bratpfanne, in der man Pfannkuchen Salto schlagen lässt.
Ein, zwei unerträglich lange Minuten quält er die Saiten und ebenso lange braucht
er , bis er stimmlich zu ihr findet, um dann zu intonieren:
„Ersoffen auf der ständigen Jagd etwas zu sein oder darzustellen , auf dem Boden
der Tatsachen liegen Argumente mit eingeschlagenem Schädel, wir treten weiter
auf sie ein!“

Nach einer kurzweiligen Pause mit Bier und Zigaretten an der frischen Herbstluft
liest Dirk Auszüge aus seinem aktuellen Buch: „Wie schön alles begann und wie
traurig alles endete!“ Melancholie also? Es geht um Menschen, die er liebt, während er stirbt und um ratternde Maschinengewehre, die gebetsmühlenartig
ausspucken: “Gib mir alle Feinde!“ Es geht um Musik von Joy Division bis
DJ Ötzi und nach wie vor bringt er den Stoff fesselnd rüber.
Doch irgendwann hat man genug gelauscht und will noch ein wenig durch die
kühle Nachtluft laufen.
Denn diesem Autor begegnet man bestimmt einmal wieder.

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