Wo ist mein Ribbeck

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Auszug aus der Dokumentation über Ribbeck
oder „Wo ist mein Ribbeck“

In der kleinen, aber markanten Kirche befindet sich gleich im Entree
ein Schauraum, in dem man gehäkelte Topflappen mit Birnen-Motiven
erstehen kann, Kinderbücher mit dem Theodor Fontane -Gedicht,
Bildchen und dergleichen und Hörbücher, in denen Otto Sander
sämtliche Balladen des Dichterfürsten aufgesprochen hat.
Aus allen Winkeln des Raumes starrt einen Otto Sander mit struppigem
Haar und ernster Miene an, das ist wie ein Sog, der viele Besucher zu der CD greifen läßt.
Eine beflissene Seniorin,die hier guten Absatz
macht, kann die Geldkassette ständig geöffnet halten.

Auf dem Kirchhof findet sich unter einem Birnbaum, der nur ganz
kleine Früchte trägt, ein Tableau, auf dem zu lesen ist:
„An dieser Stelle stand einst der Birnbaum des Hans Georg zu Ribbeck!“
und man fragt sich ein wenig enttäuscht, ein wenig mit einem nagenden,
fast wütenden Gefühl, ob das wohl sein kann und was man hier überhaupt
so glauben soll.
Während einem durch den Kopf gehen mag, dass es der
heutzutage hier lebenden geschäftstüchtigen von Ribbeck-Generation
recht geschieht, dass der Baum nur so verschrumpelte
Birnlein trägt, möchte man dennoch am liebsten seinen Arm in die Höhe recken,
um trotzig eine der kleinen Birnen zu pflücken, zu probieren.
Später soll man bei seiner Recherche lesen, dass die Birnenfrüchte-nicht größer
als Kirschtomaten-auch einst schon so klein waren, wie hätte der Hans-Georg von Ribbeck
sich davon denn beide Taschen voll stopfen können, um die Kinder des Dorfes damit
zu verwöhnen.

Gegenüber von der Kirche besticht ein roter Backsteinbau mit einem inzwischen
leeren Storchennest auf dem hohen Schlot, es handelt sich um die Kornbrennerei,
in der die heutige Familie von Ribbeck nach eigenen Worten delikaten Birnen-Essig,
feine Birnenliköre und Edelbrände, die im Elsass hergestellt werden, goutieren läßt
und natürlich in rauen Mengen versendet und verkauft.
„Wir fühlen uns hier der Tradition der Birne verpflichtet!“ heißt es auf den
Hochglanz-Flyern, auf denen immerhin die berühmten Verse vom freundlichen
Feudalherrn abgedruckt sind, der die Kinder über seinen Tod hinaus mit Birnen
beglückte.
Die schwarz gekleidete , gut gebaute Blondine, die da die Besucher in den hochherr-
schaftlichen Räumen mit den ledernen Lehnsesseln, den Butzenscheiben vor den
Fenstern und den flämischen Leuchtern führt und empfängt, wird Euch auf
Euer Nachfragen bestätigen, das Gedicht des Theodor Fontane noch nie gelesen zu haben.
Und das, obwohl sie hier seit zehn Jahren tätig ist, obwohl es jeden Verkaufskatalog und
viele Wandbilder ziert! Es gehörte eben nicht wie im Westen zum Kanon der Schulbildung und
was Hänschen nicht lernte, lernt Hans nimmermehr.
Ja, ist es denn dem Junker Jan von Damals, der hier im historischen Gewand durch den Ort führt,
um von Gebäuden, Birnbäumen und Dorfmenschen zu berichten, bekannt?

Vielleicht hatte Friedrich Christian Delius gar nicht so unrecht, der 1991 in seiner
Erzählung „Die Birnen von Ribbeck“ die groteske Vision entwarf, dass es mehr und mehr
zu einer Vermarktung der Birne und des Fontane-Gedichtes kommen würde,
dass Ribbeck Wallfahrtsort für hunderte von Bus-, eigentlich Schiffspassagieren
werden würde, die durch den Ort geschleust würden, um dann baldmöglichst wieder
auf der Titanic zu landen?
Wahrhaftig sieht man hier etliche Touristen aus den alten Bundesländern mit chromblitzenden
Luxusautos oder Wohnmobilen, denen kläffende Vierbeiner als Erste entspringen.

Renate Rave-Schneider, Oktober 2016

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