Das Radio, von Margrit Püttmann

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Auszug aus dem Prosatext „Das Radio“ von Margrit Püttmann
aus dem Erzählungsband „Schönes Wochenende“,
herausgegeben von den Autorinnen
der Blauen Feder c/o Renate Rave-Schneider,
Verlag Burlage Münster 1998, ISBN 3-00-003669-5

„Sittin in my bedroom last night…“. Zwei Takte lang die noch
unbeholfene Leadgitarre von Brian oder Keith, und dann dreschen
sie los, alle zusammen, hart auf dem Beat, ein Lärm, dass sich die
Magenwände kräuseln und die Wäsche am Herd in der Wohnküche
erzittert. Die Rolling Stones mit ihrem Song „Off the Hook“, der Stoff,
der alles zum Klinken und Vibrieren bringt. Das ist es, was Edda will
und braucht, keinen Sascha Distel, keine Peggy March, keinen
Rex Gildo und keine Petula Clark. Der Beat ist durch das Löwe-Radio
in die Küche gedonnert und nimmt unerbittlich Besitz von Edda und
wird sie nicht mehr loslassen. Auf dem Stuhl vor dem Küchenschrank
stehend, legt sie ihr Ohr an die Membran und versucht, herauszuhören,
wovon die da eigentlich singen, während ihr Körper im Takt mitschwingt.
„Mach die schreckliche Negermusik leise“, schreit Henriette, und Edda
dreht leiser und kriecht dabei ins Radio, um nichts zu verpassen.
Binnen kurzer Zeit hat sie herausbekommen, wann auf welchen Sendern
die Hitparaden laufen, auf dem Soldatensender AFN ganz rechts auf der
Skala, auf BFBS, im Hessischen Rundfunk und im Saarländischen Rund-
funk. Das Löwe-Radio macht die Welt ganz klein. Fast jeden Tag gibt es
eine Sendung, die sie auf keinen Fall verpassen darf, akribisch führt sie
Buch über die Charts. Lauter englische Beatgruppen mit ihrem ungehobelten
und manchmal schlecht gespielten  Rhythm and Blues, Animals, Yardbirds,
Zombies, Pretty Things, Searchers, Merseybeats, The Who und wie sie alle
heißen. Und natürlich die Beatles und die Rolling Stones. Dazwischen solche
Schmachtheuler wie Gene Pitney und Paul Anka und auch Udo Jürgens“Was
ich Dir sagen will, sagt mein Klavier“. Eine Welt für sich, ein Kosmos der Klänge,
ein Universum der Rhythmen, die alle nur ein und derselbe Rhythmus sind,
vier Viertel vorwärts und zurück. Alles Beat, alles laut, alles Männer.
Eddas Lieblingsband wird Them, die aus Irland, mit dem Sänger Van Morrison.
Wie elektrisiert hört sie „Mystic Eyes“, den treibenden Beat, die magische Mund-
harmonika. Später dann „Gloria“, „It`s all over now, Baby Blue“ und „I can only
give you everything“. Mystische, schweißtreibende Botschaften aus dem Jenseits
der Wohnküche und ihrer drangvollen Enge. Botschaften von unmissverständlicher
Klarheit, es geht um Liebe, Versprechen, Ewigkeit und Sex, was auch immer das
sein mag, aber es muss wohl großartig sein, wenn doch alle Songs davon handeln,
vom Wünschen, vom enttäuscht werden, vom Hoffen, vom Alleinsein, von Sehnsucht,
vom Versprechen, vom Weglaufen, vom Suchen, von ewiger Liebe.

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