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Die Botschaft des Glockenspieles vom Kaiserringhaus in Goslar

Das Glockenspiel am Kaiserringhaus in Goslar

 

Die Botschaft des Glockenspiels

14.55 Uhr, Valerie und sie stehen unter dem Vordach eines Cafés in der Altstadt von Goslar, geschützt vor dem Schneeregen, mit Blick auf die Schieferfassade des Kaiserringhauses, wo um Schlag drei Uhr ein Glockenspiel zu erwarten ist.

Sie sind trotz des nasskalten Wetters in angeregter Stimmung. Das Kobaltblau von Valeries Woll-Cape, das sie in einem der kleinen Lädchen im historischen Gebäude des ehemaligen Hospitals Großes Kreuz entdeckt hat, leuchtet förmlich zwischen all den Graubraun-Schattierungen der Gebäude und Kleidung der Leute. Dabei ist die Weltkulturerbe-Stadt Goslar mit ihren Brunnen, Bauten, der Kaiserpfalz und vielem mehr ein bemerkenswert schöner Ort. Und dieser Altstadtbummel ist ja auch erst der Auftakt zu einer mehrtägigen Reise durch den winterlichen Harz, der die Freundinnen erwartungsvoll entgegen sehen.

14.59 Uhr, die Zwei inmitten von Touristen, wie gebannt schauen sie auf das Glockenspiel, wo nun die Melodie von „Macht hoch die Tür“ ertönt. Es ist ja Adventszeit, wie man am nahegelegenen Winterwald auf dem Weihnachtsmarkt und an den vielen hölzernen Glühwein- und Verkaufsbüdchen erkennen kann.

Doch weder diese Melodie noch die darauffolgende vom „Jäger aus Kurpfalz“ vermag sie zu beeindrucken, frierend in diesem nasskalten Wetter rücken sie dichter zusammen, Leona bemerke verschreckt, dass sie sich an einen Fremden gekuschelt habe. Pünktlich um 15 Uhr erscheinen an der Schieferfassade des Kaiserringhauses aus dem Inneren schwebend, kleine Figuren, solche mit Hammer und Meißel, solche mit anderen Werkzeugen, dazu wird eine Melodie gespielt, die sofort von den meisten der hier Umstehenden erkannt und begeistert mitgesungen wird „Das Steigerlied“. Leona allerdings ist nicht textsicher, aber Valeries glockenhelle Stimme ertönt umso lauter und vermag andere mitzureißen:

„Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt,                                                                              und er hat sein helles Licht bei der Nacht,                                                                                        schon angezündt`t, schon angezündt`t.“

 

Passanten bleiben stehen, der Stimmenchor schwillt an, hymnisch fallen immer mehr Menschen nun ein , die zweite Strophe zu singen. In einer Region wie dem Harz, wo einst Silber, Blei, Zink, Erz und Kupfer gefördert wurde und ds seit der Bronzezeit, wo man in einem Städtchen wie Clausthal-Zellerfeld Bergbau studieren kann, ist es einleuchtend auf soviel Begeisterung zu stoßen.

 

Plötzlich befindet Leona sich wieder im Jahre 1968, im Dezember 1968

auf der Fahrt in der vestischen Straßenbahn zum Gymnasium Theodor Heuß, wo sieTag für Tag meistens im Halbdunkeln die elektrischen Lichter auf einem großen Tannenbaum vor dem Werkstor der Zeche General Blumenthal blinken sehe. Dort wird Steinkohle gefördert, von mutigen Steigern, die nach harter und gefährlicher Arbeit im Stollen tagtäglich froh sind zu ihren Familien ins traute Heim zurück zu kehren. Ihre kohlenverstaubten Gesichter, die müden Mienen, die manchmal zittrigen Hände, die nach einem Flachmann in der Jackentasche greifen, sind ihr noch gegenwärtig. In einer gelben Straßenbahn mit Dornkaat-Werbung geschah dies und mehr. Und eines Tages nahm sie ihre Mitschülerin Marion mit zu einer Weihnachtsfeier auf das große Terrain von Blumenthal. Deren Vater arbeitete als Bergmann im Stollen und schon damals wurde das Lied „Der Steiger kommt“ angestimmt, einige Bläser spielten dazu, in der eiskalten Winterluft gefror ihre Atemluft zu Nebelschwaden. Jede und jeder bekam ein Tütchen mit einem Weihnachtsmann aus Schokolade und einigen Spekulatius und einem kleinen Fläschchen Apfelkorn. Zwei Jahre später war Marions Vater übrigens tot, Staublunge und Herzinfarkt, das ging ganz flott und die  Mutter musste sich jetzt einen Ganztagsjob suchen. Für Marion waren die rosigen Zeiten erstmal vorbei, neben dem Büffeln fürs Abi hatte sie die Aufgabe zwei jüngere Schwestern zu versorgen. Wer würde jetzt Zeit haben mit ihr die Beatfestivals in der Vestlandhalle aufsuchen? Ein Mitschüler aus der Parallelklasse namens Falk, der hier auch in Mathe etwas auf die Sprünge helfen konnte, tauchte plötzlich wie ein Rettungsanker auf, er wurde auch ihr Tanzstundenpartner.

An die Ruhrfestspiele musste Leona denken, die hier in Recklinghausen als Dank für Kohlehilfe für Hamburger Theater entstanden waren und die sie seitJugendjahren ab 1966 regelmäßig im Ruhfestspielhaus besucht hatte. 150 Schauspieler der Hamburger Staatsbühnen hatten seinerzeit den Auftakt zu diesen Events, dem größten Theaterfestival Europas gegeben. Es erfüllte sie mit Stolz, dass sie regelmäßig im imposanten Ruhrfestspielhaus mit der Statue  „Die Liegende „

von Henry Moore Gast gewesen war, dass sie regelmäßig an General Blumenthal entlang gefahren oder geradelt war. An Sommertagen, an denen sie Minirock trug, wurde sie in der Tram von so manchem Steiger und Bergmann mit begehrlichen Blicken angeschaut , sie verzog natürlich nie eine Miene, doch freute sich insgeheim diesen hart arbeitenden Männern einen erfrischenden Anblick zu bieten..

Jahrzehnte hatten die Bergleute die Ruhrregion geprägt, die Menschen hier liebten sie , würden sie immer lieben, sie blieben unvergessen. Jetzt hier in Goslar, auch einer Bergwerksregion das Steiger-Lied zu hören, dass der Chor der Ruhrkohle AG genauso sang wie der Schalke-Chor und der Rockmusiker Herbert Grönemeyer, der es regelmäßig vor seiner Ode an die Heimatstadt Bochum anstimmte, dass ließ ihr einen wohligen Schauer über den Rücken laufen. Dieses Lied war eine Art immaterielles Kulturerbe und Erinnerung an eine Zeit, die unvergessen blieb. Eine Ära im industriellen Zeitalter, wo der Ertrag der Hände Arbeit wesentlicher war als große Geldgewinne oder der Ertrag von Aktienmärkten.

Im Volkstümlichen hatte es seinen festen Platz gefunden, das trug. Das stärkte seelisch. Und wenn auch Kohlestaub weiterfraß, nicht nur auf Dauer die Lungen der Bergleute zerstörte, so waren ihre Seelen unsterblich geworden.

Was riss sie plötzlich aus ihren Gedanken? War es sie stete Wiederholung des zweiten Teils der Melodie vom „Steiger-Led“, die das Glockenspiel vom Kaiserringhaus in einer Endlos-Schleife abzuspielen schien? Oder eine zarte Berührung, jemand tippte ihr sanft auf die Schulter. Sie schaute zunächst irritiert, dann freudig überrascht in ein wohlbekanntes Gesicht. Es war ihr ehemaliger Mitschüler Falk, der aus einer Mediziner-Familie stammend, sich für ein Bergbaustudium in Clausthal-Zellertal entschieden hatte, aber längst wieder im Ruhrgebiet lebte. „Was für ein Zufall, Falk, Du hier, was führt Dich hierher?“

Mit Falk war sie seinerzeit gerne auf Beatfestivals im Ruhrgebiet unterwegs gewesen, er war auch ihr Tanzstundenpartner gewesen? Doch dann hatte der Wind sie beide in verschiedene Richtungen getrieben, nur auf Klassentreffen hatte sie von seinem Werdegang erfahren.

„Ja, es treibt mich so um , genau wie Dich offensichtlich!

Hast Du noch Zeit für ein Schnäpschen, ein „Harzer Grubenlicht?“

Leona schaute auf ihre Uhr, was unnötig war, denn die Glocken am Kaiserringhaus schlugen vier Mal. Beseelt schaute sie ihren ehemaligen Schulfreund an. „Oh gerne, meine Zeit bis zur Busabfahrt nach Braunlage dürfte durchaus  reichen!“

 

Renate Rave-Schneider im Dezember 2021

 

 

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