Usedomer Zwiegespräche

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Kurzgeschichte von Renate Rave-Schneider
Eine halbe Stunde bereits waren Wolf
und ich auf unserer Wunschinsel Use-
dom. Wir atmeten erleichtert bei offe-
nen Abteilfenstern tief durch, atmeten
würzigen Kiefernduft und Seeluft ein.
Bald würde der Seebäderexpress namens
Mecklenburg-Vorpommern das Ziel un-
serer Reise, den Ahlbecker Bahnhof er-
reicht haben. Aus dem Fenster schau-
end sah ich sandige Waldwege, auf de-
nen Wanderer und Mountainbiker un-
terwegs waren, ich sah krüppelige Kie-
fern und Spitzdachbungalows sowie
Zeltplätze, Ortsschilder wie Karlshagen,
Zinnowitz, Bansin, Heringsdorf, es konn-
te nicht mehr lange dauern. Seltsam
vertraut war mir jetzt schon alles.
_
Wolf und ich nahmen uns vor, nach Be-
legung unseres Quartiers am Abend zur
Ahlbecker Seebrücke zu spazieren, zu
schnuppern und zu schauen und zu hof-
fen, die Sonne glutrot im Meer versinken
zu sehen. Anschließend wollten wir ein
Gläschen Wodka trinken, wollten es auf
Gorbatschow erheben und dann wollte
ich ihm, den ich wegen seiner Offenheit
und Großzügigkeit immer geschätzt hatte,
sagen: „Danke, Mikail! Ohne Dich, ohne
Dein Möglichmachen von Glasnost & Pe-
restroika, von Transparenz & Umgestal-
tung wären wir jetzt gar nicht hier. Du
hast unter anderem bewirkt, dass die
Mauer fiel, der Stacheldraht verschwand
und die Tore sich öffneten. Dir bin ich
dankbar, weil ich künftig schöne Orte im
Osten Deutschlands sehen werde, die ich
nur auf der Landkarte kannte und die für
mich weiter entfernt lagen als Indien oder
Feuerland!“ Wir waren zu müde und ver-
schoben den Strand- und Seebrücken-
bummel auf den nächsten Tag. Dort hatte
jemand in unserem geliehenen Strand-
korb eine zerfledderte Ausgabe der Welt
liegen lassen. „Du“, sagte ich aufgeregt:
„Du, Wolf, stell Dir vor, unser Bundes-
kanzler Schröder war gestern auch hier.
Er ist mit der Usedomer Bäderbahn von
Koserow nach Ahlbeck gereist. „Warum
fährt die nicht weiter nach Swinemünde
oder noch viel weiter nach Polen hinein?“
So wird er zitiert. Und dann soll er noch
einen Fussmarsch bis zur polnischen
Grenze von Ahlbeck aus gemacht haben.
Natürlich alles medienwirksam!“ Wolf
schmunzelte, ölte sich mit Sonnencreme
ein, bearbeitete auch meinen Rücken
damit. „Lass uns doch morgen auch nach
Swinemünde fahren… per Dampfer!“,
Text: Renate Rave-Schneider
schlug er vor und ich war einverstan-
den. Vom Strandkorb aus sahen wir ein
weißes Schiff, dem viele Leute entstie-
gen, das musste es sein.
_Ich bemerkte, dass meine Beine brann-
ten, sah nach Sonnenbrand aus. Es zog
mich zum Wasser, in den Wellen kühlte
ich meine krebsroten Waden. Und wäh-
rend ich von der Strandpromenade aus
Unterhaltungsmusik wahrnahm, die rau-
chige Stimme eines Sängers und den Re-
frain „Möwen fliegen nicht in den Sü-
den“, sichtete ich auf einem Pfahl direkt
vor meiner Nasenspitze so einen fetten
Wasservogel mit gelben Schnabel und
gelben Augen. „Stimmt das? Fliegst Du
nie in den Süden? Warum? Bist Du zu
schwer und flügellahm? Bist Du ein
Stand- und kein Zugvogel? Du scheinst
Dich hier ja pudelwohl zu fühlen!“ Die
Möwe starrte, so schien es mir, mit küh-
lem Blick durch mich hindurch. An einem
der nächsten Tage habe ich auch mit den
Seebrücken von Heringsdorf und Ahlbeck
gesprochen, wobei ich letzterer deutlich
den Vorzug gab, sie atmete den Geist der
guten alten Zeit, als Bansin, Heringsdorf
und Ahlbeck noch den Glanz der Kaiser-
bäder hatten, sie war – im Gegensatz zur
modernisierten Heringsdorfer Seebrücke-
romantisch und geheimnisvoll. Im Laufe
der Jahre ist sie mal gelb , mal rostrot und
dann wieder weiß angestrichen worden
und ich schaute voller Wohlwollen auf
das Seebrückenrestaurant mit zwei put-
zigen Türmchen und sprach zu den höl-
zernen Planken und Bohlen. „Wer wohl
schon alles über eure Bretter geschritten
ist? Historische Persönlichkeiten wie
Kaiser Wilhelm, Gorki und Tolstoi, aber
gewiss auch einige meiner Vorfahren, die
ich gerne kennen gelernt hätte.“ Ich
dachte an jene Urgroßmutter aus Berlin,
von der viel erzählt wurde, und spürte
auf der Brücke im nachhinein den Wi-
derhall von schweren Stiefeln, aber auch
leichten Sandaletten.
_In den darauf folgenden Tagen war der
Himmel oft bedeckt, kein ausgesproche-
nes Strandwetter also, und Wolf und ich
sind über die Insel geradelt, von den
Koserower Fischhütten im Westen, wo
Fische auf Holzgestellen im Freien geräu-
chert wurden, zur polnischen Grenze im
Osten. Dort saßen alte Bauernfrauen mit
geblümten Kopftüchern, karierten Wickel-
röcken und gestreiften Jacketts und
wogen mit ihren roten, schwieligen
Händen Pilze und Waldbeeren ab, sie
wiesen auf Pferdekutschen hin, mit
denen man weiter zum Polenmarkt fah-
ren konnte. Mit diesen Frauen wollten
wir uns gerne unterhalten, aber sie ver-
standen kein Deutsch, nur Polnisch, freu-
ten sich allerdings, wenn wir mit deut-
scher Mark und nicht mit Zloty bezahlten.
Wir haben uns das Haus und Atelier des
verstorbenen Künstlers Otto Niemeyer-
Holstein in Koserow am Achterwasser an-
geschaut, elegante Strandvillen in He-
ringsdorf, die früher erst von russischen
Zaren, dann von DDR-Funktionären be-
wohnt wurden, und sind schließlich an
einem Regentag dort in der Villa Irm-
gard gelandet, einem Museum, in dem
sowohl der lungenkranke Maxim Gorki
als auch später Tolstoi Erholung und
Sommerfrische gefunden hatten.
_In Gorkis Arbeitszimmer stand die Zeit
still, auf dem großen Schreibtisch lag sein
Werk „Meine Universitäten“ noch aufge-
schlagen, der Federkiel in seinem Tinten-
fass schien begierig darauf wieder in die
Hand genommen zu werden. Ach, wie
gerne hätte ich ihn jetzt tief in die Tinte
eingetunkt und aufs vergilbte Papier der
Schreibunterlage geschrieben, was mir auf
der Seele brannte, stattdessen aber starr-
te ich nur auf den riesigen, dunklen
Schreibtisch und Wolf fragte ironisch:
„Fängst Du gleich wieder an mit dem
Möbelstück zu sprechen?“ „Nee!“, sagte
ich leise, aber eindringlich: „Hier auf Use-
dom möchte ich mir jedes Detail merken
und das geht besser durch Dialog: Mit
Brücken, Palästen, verfallenen Villen,
wildernden Katzen, dem Ostseeclown, den
Fischern und auch mit Gorkis arabischen
Zimmer!“  Gorki, der sich viel für Arme
und Benachteiligte eingesetzt hatte, war
entsetzt von den krassen Gegensätzen
gewesen, die Heringsdorf in den Zwanzi-
gern aufgewiesen hatte, hier die reichen,
in Luxus schwelgenden Badegäste und
dort die rassistisch wirkenden Kinder der
Einheimischen. Zum Abschluss hatte er
in sein Tagebuch geschrieben: „Dennoch
und trotz allem werden die Menschen
eines Tages wie Brüder leben!“ Wolf und
ich lasen das und schauten uns fragend
an. Ich dachte an die Wandermusiker
auf der Strandpromenade mit schlech-
ten Zähnen und abgelaufenen Sohlen,
an die armen Straßenverkäuferinnen in
Swinemünde, an die Noblesse in den
teuren Hotels und auch an Gorbatschow.
Wir standen an der Schwelle und wus-
sten nicht, ob Gorki Recht behalten
würde, irgendwann!

3 thoughts on “Usedomer Zwiegespräche

  1. Intensive Erinnerungen an meine Nach-Wende-Reisen in die Neuen Bundesländer werden geweckt. Über meine Urgroßeltern wurde berichtet, dass sie während der Kaiserzeit mit Kindern und Gesinde in den Usedomer Luxushotels Ferien machten. Dann kamen die Weltkriege…
    Mit Tieren zu sprechen, liegt mit nicht. Ganz außergewöhnlich finde ich die Fähigkeit, mit Gegenständen ins Zwiegespräch zu kommen: bewundernswert!

  2. Usedom…. Dort verbrachte ich viele Jahre als Kind meine Ferien. Ich trage es immer noch in der Kindlichen Sicht in meinen Erinnerungen. Deine Erzählung eröffnet einen neuen Blick und die Lust auf einen erneuten Besuch. Eine große Verlockung Usedom noch einmal Jahrzehnte später und mit völlig neuer Sichtweise zu erleben….
    Zwiegespräche… ja die mag ich auch… so ganz still, für mich alleine…
    Danke, für die nicht ganz alltägliche Schilderung Deiner Eindrücke.

  3. Auch für mich ist Usedom ein Zauberwort. Aber meine Gefühle dafür sind etwas anders. Ich liebe die Insel weil ich mehrere Male mit meinem Enkel im schönen Hotel Baltic in Zinnowitz weilte. Das herrliche Meerwasserschwimmbad, des Buddeln im Strand für Julian, der Besuch in der Stadtbibliothek, wo es so schöne Kinderbücher gibt, und der Besuch im Eiscafe mit dem leckersten Eis und Zeitschriften für die Großeltern und ein schönes Spielgerät für den Enkel sind vorrangig. Aber auch die schöne Ungebung per Rad zu erleben mit den alten Kaiserbädern runden das Erleben ab.

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