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Renate Rave-Schneider rezensiert Achim Reichels Autobiographie!

Rezension // Renate Rave-Schneider über Achim Reichels Autobiographie „Ich hab das Paradies gesehen“, als Hardcover im Rowohlt Verlag erschienen, 415 Seiten, 24,€, ISBN 978-3-498-00178-0

 

Das am 15. September erschienene autobiographische Werk von Achim Reichel verfügt über 24 übersichtlich gestaltete Kapitel und einen ca. 30-seitigen Bildteil.( Aussagekräftige Fotos, die Reichel von Kindheit an und in der Jugend zeigen, wozu er gerne in Interviews ergänzt, dass er ein schmuckes Kerlchen war, was allerdings im Auge des Betrachters liegen dürfte). Die einzelnen Kapitel sind anschaulich dargestellt, einige von ihnen schliessen mit Songtexten aus Reichels langer Zeit der Solo-Karriere  nach der Rattles- und Wonderland-Zeit ab.

Stilistisch kommt das Buch unterschiedlich rüber, manchmal ist Reichels Schreibstil flott, nimmt Fahrt auf, etwa bei Schilderungen aus seiner Kindheit mit Erlebnissen wie dem betäubten Zuschauen-müssen beim Verwursten seines ersten Haustieres, eines Karnickels oder beim Schwimmen mit fast fatalem Ausgang in der Elbe. Aber auch die Story um Rainer Karge, dessen Zigaretten-Song, dessen „Fiffi“ ist packend, ebenso einige Erlebnisse in dessen Haus und Weinberg in Italien. Andere Passagen des Buches sind eher zäh und auch zu lang.  Manchmal ist der Schreibstil auch etwas geschraubt und altertümlich vom Vokabular her mit Begriffen wie „abhold“ zum Beispiel. Außerdem wird ein wenig zu oft das besitzanzeigende Fürwort „mein“ benutzt, obwohl eigentlich klar ist, dass niemand anders als Reichel selber und dessen Hände, dessen Gitarren etc. gemeint sind.

Wichtiger ist jedoch , ob das Buch inhaltlich durchgehend fesseln kann und für welche Zielgruppe es eigentlich vom Verfasser gedacht ist. Sicherlich richtet es sich an Fans, an Musiker-Kollegen, an Freunde und Bekannte, aber vielleicht auch an im Musik-Geschäft Tätige, denn es wird abgerechnet, in erster Linie mit Produzenten und Radiomachern und der Musik-Industrie, dann aber auch mit Politikern, die mit den Künstlern ihres Landes nicht immer gut umgehen.

Für die große Mehrheit der Fans dürfte das Buch schillernd und ausführlich genug über die vielen Schaffensjahre des Musikerlebens berichten. Für Menschen, die den Musiker nicht kennen und mal eine interessante Künstler-Biographie lesen wollen, ist es jedoch nicht tiefgründig genug, sondern plätschert bisweilen etwas reizarm dahin, es wird in Anekdötchen und Episoden in einen „Kessel Buntes“ gegriffen, der nicht jeden anspricht. Wieder andere mögen sich die Frage stellen, warum man nicht-mehr zur Entstehungsgeschichte der CD „Wilder Wassermann“, die ja auch vertonte Klassik und Romantik enthält, erfährt. Warum man nicht mehr über die Entstehungsgeschichte der Songs in Zusammenhang mit Jörg Fauser und anderen Dichtern erfährt Und vor allem: Warum man so gar nichts von Umbrüchen, Krisen, in den“ Seilen hängen“, von dunklen Wolken, die ja jeder Künstler in seinem Künstler-Leben kennt, erfährt? Warum werden gerade diese so wichtigen Details der Biographie ausgespart? Die Lebenserinnerungen Reichels wären um einiges authentischer.Das Buch ist am besten an den Stellen, wo Achim Reichel –wie bei der Geschichte zur Entstehung der Volx-Lieder oder des Shanty-Albums in den Erzählfluss kommt und auch über die Hintergründe berichtet. Und es ist nicht so prickelnd gewisse Jamaica-Adventures zu erfahren. Ob man nun Sade oder sonstwen aus der Promiszene dort trifft, ist so belanglos, wenn sich daraus keine weitere Zusammenarbeit ergeben hat, als wenn einer von uns z.B. Robby Williams am Flughafen Atatürk sichtet. . Doch dann gibt es wieder die eine oder andere , teils übersteigerte, teils poetische Schilderung lauer Sommernächte: „Es war als würde der Blick bis in die Unendlichkeit ferner Galaxien reichen, als wäre der Himmel näher als Strand, der sich mit sanftem Wellenschlag in die Gespräche der Gäste einmischte .“ Solche Stimmungsbilder entsprechen auch dem Schlussakkord des Buches nach dem A,R. & Machines –Konzert in der Elbphil, wo es heißt: „Alle waren auf Wolke 7, und die euphorisierte Laune ließ unsere Träume in den Himmel wachsen, dort waren sie gut aufgehoben.“

In Musik-Angelegenheiten war Achim Reichel ein Glücksritter und es ist sympathisch, dass er dieses Glück allen kreativen und talentierten Menschen wünscht.

Und vielleicht könnte er in seinem langen Schreib- Prozess ja auf den Geschmack des Formulierens gekommen sein und uns noch ein weiteres Buch präsentieren  wollen aus seinem 60 Jahre umspannenden Musiker-Leben. Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass er eher noch ein Musik-Werk aus inspirativen Quellen schöpfen wird, denn in der Musik liegt seine eigentliche Stärke.

 

Rezension von Renate Rave-Schneider, Autorin, Bücher-Plausch-Veranstalterin, Begründerin der Poetry-Parties 1996 in Münster und Radio-Moderatorin im Bürgerfunk Münster bei Poetry Rave, dauerhaft gelistet bei http://www.nrwision.de/mediathek/sendungen/poetry-rave E-Mail –Adresse: leona51@gmx.de

 

 

2 Gedanken zu „Renate Rave-Schneider rezensiert Achim Reichels Autobiographie!

  1. Renate, Deine Rezension erscheint mir kompetent und fair beleuchtet.. Du beherrscht es, Buch-Inhalte und Stil gut zu kommentieren. Für mich besteht allerdings kein Interesse, das Buch zu erwerben, weil ich den Sänger gar nicht kannte und erst durch Dich einiges von seiner Musik gehört habe und ihn dann im Fernseh-Interview sah. Ich bin ja über das, was sich vor allem in der nordischen Region tat, nicht so informiert. LG Do

  2. Mir ist immer wichtig, auch bei anderen Rezensionen, also immer im allgemeinen, eine faire, ausgewogene Meinung abzubilden und nicht einfach lobzuhudeln, wo es nicht angebracht ist. Ich bin jetzt einige Jahre Rezensentin für etliche Autoren und auch Verlage im In- und Ausland und habe dabei wertvolle Erfahrungen machen dürfen.

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