Erinnern fängt mit damals an: Nächtliche Poetry-Darbietung 1977

Posted on Posted in Stories

Erinnern fängt mit damals an:

Nächtliche Poetry Darbietung im März1977:

 

Das waren wir: Zwei Blondinnen auf der Flucht vor einem aus einer

Bierdose süppelnden Stalker , der uns seit Verlassen der Discothek

„Lila Eule“ auf den Fersen war.

Meine Freundin Gabi – so mit Marilyn Monroe -Frisur und Schminke- und ich,

mehr vom Typ Elisabeth Flickenschildt, wie man mir damals nachsagte, fanden das

alles gar nicht lustig: Den Regen, der die Wimperntusche zum Zerlaufen

brachte, die Windböen, die bis auf die Haut erzittern ließen

und diesen „Jäger“, der uns auf unserem Heimweg durch die Altstadt

verfolgte, morgens um 0.55 Uhr.

Er duckte sich unter den Bögen, versteckte sich an einer Litfass-Säule,

pfiff hinter uns her.

Doch an der Lamberti-Kirche, die wir blitzschnell zweimal umrundeten,

konnten wir ihn abhängen.

Die Rettung war dann die hell erleuchtete Regensbergsche-Buchhandlung

an der rückwärtigen Front der Church, eine Menschentraube scharte sich im Erdgeschoss um einen beleibten Redner.

Nur schnell hinein war mein Impuls und ich zog

Freundin Gabi einfach mit. „Renate, was hast Du vor?“ konnte sie kaum zu Ende

aussprechen, schon nahm eine Service-Kraft uns die nassen Mäntel ab. Im Schatten

der übervollen Garderobe, an der zig Burberrys und Wettermäntel hingen, konnte ich

mir die Lippen purpurrot mit dem  Lipstick nachziehen.

 

Die Bedienung reichte uns je ein Glas mit perlendem

Wein, schon richteten sich die Blicke aus zig Augen auf uns.

Die Stimmung war famos, die Leute – überwiegend Männer- lachten, plauderten,

doch war nicht auszumachen, was der Anlass für diese Feier war, eine Vernissage,

eine Dichterlesung oder ein Meeting? Egal, ich liebte das hier: Den Duft von herbem

Eau de Toilette, Pfeifenrauch, leise Cocktail-Musik im Hintergrund.

Ein zweites Glas Sekt wurde uns gereicht, dazu etwas zum Knabbern,

wieder schaute man uns erwartungsvoll an.

Was erwartete man von uns beiden: Eine Tanz-Darbietung, den Vortrag eines Chansons oder

was sonst?

Diese Blicke waren dann für mich wie ein Zeichen, eine stille Aufforderung sich vorzustellen.

Ich trat auf die dritte Stufe der Wendeltreppe, ja, ich konnte mich sehen lassen im

kleinen Schwarzen, das ich rein zufällig heute trug und senkte kurz den Blick.

„Oh, Madonna, was werde ich jetzt sagen!“ dachte ich, doch noch im selben Moment

war mir klar, dass es nur ein Gedicht sein könne, was hierhin passte.

Nichts Treffederes fiel mir ein, als eine Rezitation aus Rainer Maria Rilkes

“ Sonetten an Orpheus“, erst unlängst hatte ich diese in einem Vortrag im Hamburger Thalia -Theater

gehört. Es wäre dann meine erste öffentliche Lesung, ein Türöffner zur Kunst-und Literatenszene. Und ich begann:

„Nur, wer die Leier erhob auch unter Schatten, darf das unendliche Lob ahnend erstatten.“

Meine Stimme,erst verhalten noch, wurde gleich nach den ersten Worten sicherer und ich

brachte die Ballade tatsächlich zu Ende mit dem Vers:

„Mag auch die Spieglung im Teich oft uns verschwimmen

Wisse das Bild, erst in dem Doppel-Bereich werden die Stimmen, ewig und mild.“

 

Applaus, mit dem ich nie gerechnet hatte, umtoste mich.

Mit Bravo -Rufen wurde ich

nun aufgefordert ein weiteres Gedicht zum Besten zu geben.

Gabi schien sich fremd zu schämen, sie wurde rot und hielt ihren Mund zu, doch

schon bald war sie in einem Gespräch mit einem der vielen Herren verwickelt.

Nun war auch ich so gelockert, dass ich einen Bekannten aus der Stadtszene, den ich just erblickt hatte, fragte,

um was für eine Gesellschaft es sich hier denn handeln würde.

„Och!“ meinte er, „das sind alles Philatellisten aus Great Britain, die haben hier ihr Jahresmeeting!“

 

 

 

Und das war ja nun besonders köstlich.

Ich konnte also davon ausgehen, dass kaum einer von denen die Worte meiner

Dichtkunst-Darbietung verstanden hatte.

Doch eine Blondine in einem kleinen Schwarzen, nachts auf einer Wendeltreppe, eine Sektflöte in der Hand, den kleinen Finger abgespreizt,

und so nebenbei Rilke rezitierend, das hat schon was, oder?

 

Renate Rave-Schneider, November 2018

Copyright….

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *