Die Liebenden vom Stechlin-See

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Die Liebenden vom Stechlinsee

 

Zwei Menschen in den besten Jahren, sie aus einer westlichen,

er aus einer östlichen Großstadt treffen sich in einer kleinen Pension

im Landkreis Stechlin, wo sie anonym ihrer Leidenschaft und Zu-

neigung frönen können.

Drei Tage und zwei Nächte tauchen sie tief ein  in die Landschaft

um den magischen See, den schon Theodor Fontane in seinem

Werk „Der Stechlin“ beschrieb; sie beobachten auf Wanderungen

Fauna und Flora und sinken noch viel öfter ins Ufer- Gras – die laute Welt

außen vor lassend, eine Idylle geniessend, die so nie wieder kommen wird.

 

Doch wenn auch die Verpflichtungen der jeweiligen Leben mit den jeweiligen

Ehepartnern  sie nach

der gemeinsam verbrachten Zeit schließlich in andere Himmelsrichtungen

aufbrechen lassen, die Tage und Nächte, die so intensiv waren wie ein

eindringlicher Traum haben beider Leben verändert und lassen sie von

dem gemeinsamen Erleben für eine lange Weile zehren.

 

…………………

Die Zwei sitzen im stillen Buchenwald, wo man nur dann und wann

das Knacken eines Astes, einen Vogelschrei, das Plätschern des Wassers

hört, wenn ein Ruderboot auf dem See vorbei passiert ,sie sitzen in

Ufernähe auf einem Baumstamm.

 

Er raucht eine Pfeife, sie erschnuppert das würzige Aroma.

 

Er : “ Was hast Du gestern gemacht, als Du auf mich wartetest?“

Sie: “ Gestern am späten Nachmittag saß ich – Du kennst die Uferstelle

gut einen Kilometer von hier –

vor der Holzbude an der einzigen öffentlichen Badestelle, da, wo

man Bier und Wein trinken und Pizza essen kann . Da habe ich mir das

Treiben so angeschaut. Die Sonne stand schon tief und einige Menschen

stiegen bibbernd aus dem Wasser, viele schnappten sich ihre Fahrräder und

fuhren in den Ort Neuglobsow.“

Er: “ Und Du?“

Sie: “ Du weißt es, Lieber, ich habe dich herbei gesehnt!“

Sie tauschen verliebte Blicke.

 

Sie: “ Nebenbei habe ich mich mit einem alten Mann aus Sachsen

unterhalten, der nicht sächselte!“

Er: „Direkt ein Wunder!“

Sie: “ Na ja, ein Bildungsbürger, er käme seit 1986, also seit dreißig

Jahren regelmäßig hier hin. Hätte aber auch in den Jahrzehnten zuvor

 fast die ganze Welt gesehen,

was für die ehemaligen DDR-Bürger ja sehr ungewöhnlich war,

die kamen ja kaum raus. So sollte ich dann also seinen Beruf raten!

Rate Du auch mal?!

Er: „Na, was soll ich sagen… Hm, Lehrer, Wissenschaftler, Sportler?

Sportler, die kamen doch in der Welt rum, auch damals schon!“

Sie, einen Zug aus seiner Pfeife nehmend:

“ Nee, Musiker, Flötist im Gewandhausorchester Leipzig!“

Er, die Pfeife wieder an sich nehmend ( es ist seine, das muss auch die Liebste

akzeptieren, dass er sie ungern teilt!)

„Das ist klar, die kamen rum. Und habt Ihr Euch was zu sagen gehabt!“

Sie: „Oh ja, der Mann war blitzgescheit und sehr belesen:

Von Luther über Goethe, der ihn wie uns ja auch sehr fasziniert hat,  weil der

so spirituell war und mit den Geistern reden konnte bis hin zu Tolkien,

dem Schöpfer vom Herrn der Ringe, der etwas Wunderbares gesagt hat:

„Die Schöpfung geht aus einem Klang hervor, der zur Melodie wird und als

Weltall intoniert wird!“

„Toller Gedanke!“ stimmt er zu „Ich muss jetzt gerade an den Komponisten

 von „Lord of the rings“ denken: Bo Hansson! Großartige Musik! Der ließ

sich von Tolkiens Buch inspirieren.

 

„Wenn ich mit dir zusammen bin, ist alles Musik!“ sagt sie und fragt sich, ob

das jetzt kitschig klingt. Langsam sinkt die Sonne, wird ein gelber Ball, er legt

seinen Arm um sie .

Beide schauen in die gleiche Richtung auf den glasklaren See, dann auf die

bewaldete Insel mitten darin.

„Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“

Er-grüblerisch “ Siebzig Meter tief“.

Sie zuckt zusammen, atmet tief durch:

„Und wie kommen wir rüber auf die Insel, Fischer?“

Er, ihr einen Schluck Wein aus  einem ledernen Becher reichend:

„Wir rudern, ich werde dich herüber rudern, hab starke Arme!“

Während sie den Wein in ihrem Mund schmeckt, sein Aroma genießt,

massiert sie liebevoll seine Oberarme.

Es kommt jetzt ein Wind auf, Äste knacken, der Wind rauscht in den Zweigen.

Während sie seine Schulterblätter , seine Arme bis hinunter zu den Händen

sanft und knetend zugleich massiert, massiert bis in die Fingerspitzen

stellt er sich bildlich vor, wie das Boot im Licht der untergehenden Sonne

auf den Wellen schaukelt, sie beide darin liegend.

Sie errät seine Gedanken und sagt:

“ Und wenn der Wind stärker wird, wenn er das Boot kentern lässt?

Denk doch an die Sage vom roten Hahn, der den Fischer Minnark in die Tiefe

riss!“

„Ja, ich kenne die Sage!“ sagt er. „Fontane hat sie erzählt.

Weißt Du, Minnark war gierig,arrogant und unbelehrbar.

Er konnte nicht genug kriegen, wollte einen Riesenfang machen und

überhörte die Warnungen seiner Gehilfen. Das war sein Verhängnis.

Aber wir…“

Sie „Wir sind nicht gierig. Wir wollen nichts. Nur zusammen sein!“

Schweigen…gehaltvolles Schweigen… er nimmt einen Schluck Wein, sie auch,

dann küssen sie sich. Ein Stück weiter steht ein Silberreiher auf einem Bein.

Ein großer Vogel, ein Milan, könnte es sein, kreist über dem See.

Plötzlich grinst er schelmisch, zieht aus seinem Rucksack eine Blechdose.

„Ich muss dir was zeigen!“

„Was denn. Ist eine Mundharmonika darin? Oder irgendein Kraut?“

Er: “ Komm, Du darfst sie öffnen. Schau mal!“

 

Sie- aufschreckend:“ Ich sehe Federn, nichts als Federn, ein Federknäuel!

Igitt und darin…einen halben Mäusekadaver. Was  ist das?“

Er flüsternd: „Gewölle, das ist das Gewölle eines Raubvogels, wahrscheinlich

eines Eulenvogels, der die Innereien einer Maus fraß und diese auswürgte!“

„Faszinierend und widerlich zugleich!“ sagt sie.

“ Aber wie bist Du da dran gekommen?“

„War letztes Jahr im Winter schon mal hier. Mit einem ornithologisch bewanderten

Freund. Im Winter, war es, als alle anderen Seen der Region schon zugefroren waren,

war es der Stechlin noch nicht. Hunderte von Wasservögeln saßen auf den Eisschollen

und sogar Fischadler und Habichte kreisten in der Luft. Und da fand ich

dieses Gewölle! Und mein Freund erklärte mir, was das ist.“

„Das mag ich so an dir. Dass Du mich immer wieder überrascht. Dass Du so herrlich

verrückt bist und schelmisch wie ein Lausebengel. Und auf der anderen Seite  so genial.

Genial in deinem Beruf, in dem Du so viele Menschen faszinierst.

Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Erzähl mir jetzt eine Geschichte, ich liebe Deine

Geschichten.!“

Und er erzählt von einem Tag an einem großen Fluss, viele Jahrzehnte ist es her, als

er noch ein Junge war und einen Bussard aus der Familie der Habichtvögel

sah, der über diesem Fluss kreiste und plötzlich hinabstürzte, um ein Kaninchen zu greifen,

um mit diesem wieder in die Lüfte empor zu steigen.

„Wie Du erzählen kannst. Man erlebt es hautnah mit“ sagt sie und kuschelt sich an ihn.

Die Sonne ist inzwischen ein glutroter Feuerball über dem Stechlin, es wird kühler. Die kühlende Frische geht von den dicht stehenden Buchen  aus.

 

Er zieht sie vom Baumstamm herunter auf den Waldboden, der die Wärme des

Spätsommertages noch gespeichert hat. Sie fühlt seine Stärke, riecht den Schweiß

auf seiner Haut, sein Parfüm. Er betastet und erfühlt ihre Brüste,

die Honigmelonen gleichen.

Sie streichelt sein bärtiges Kinn, fährt mit ihrem Zeigefinger sanft darüber hin.

 

Er spürt den warmen Waldboden unter seinem Rückgrat und ihre Haut, warm und lebendig

auf seiner. Es dunkelt… nicht nur der See schlägt Wellenbewegungen.

 

Renate Rave-Schneider, Oktober 2016

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One thought on “Die Liebenden vom Stechlin-See

  1. Am 18.08.2017 bearbeiteter Kommentar:
    Der Stoff zu dieser fiktionalen Erzählung ist mir in Tagträumereien, in Bruchstücken aus vielen, früheren real erlebten
    Szenen und aus dem Aufenthalt im September 2016 in dieser Region auf den Spuren Theodor Fontanes in
    Brandenburg zugeflogen.
    Was mir beim nochmaligen Lesen in letzter Zeit selber stark auffiel, ist die Tatsache, dass ich meinen Ghostwriter nicht kenne und Magie im Spiel war, die mich zum Beispiel auf Tolkien
    und die Musik Bo Hanssons zu „Lord of the rings“ brachte, eingängige psychedelische Klänge. Das passt zu den Liebenden, die das mögen und die einander vielleicht auch Muse sein können, indem sie sich mit den schönen Künsten befassen.
    Sie erleben in dieser paradiesischen Zeit ein starkes Einheitsgefühl

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